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Die Glasgemälde der Kunsthalle von Schloß Drachenburg

Schloß Drachenburg am Drachenfels (1882-1884) dokumentiert wie kaum ein anderes Baudenkmal die Kultur- und Geistesgeschichte der Gründerzeit. Seit 1990 der Nordrhein-Westfalen-Stiftung unterstellt, wird das gesamte Ensemble derzeit so weit wie möglich in Anlehnung an den ursprünglichen Zustand restauriert und zu einer Art Gründerzeitmuseum mit einem Schwerpunkt auf zeitgenössischer Wohnkultur ausgebaut. Eine Option für die Gestaltung der Innenräume könnte der Versuch einer Rekonstruktion sein, inklusive der ehemaligen historistischen Glasmalereien. 

Die historistischen Glasgemälde in der Kunsthalle von Schloß Drachenburg zu Königswinter

 

Schloß Drachenburg am Drachenfels stellt ab der ersten Öffnung für Publikum 1903 ein wichtiges Ausflugsziel im Rhein-Tourismus dar. Es dokumentiert wie kaum ein anderes Baudenkmal die Kultur- und Geistesgeschichte der Gründerzeit. Seit 1990 der Nordrhein-Westfalen-Stiftung unterstellt, wird das gesamte Ensemble umfassend restauriert.

 

Einführung

 

In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts entstanden in Deutschland viele Schloßbauten. Sie stellen laut Angelika Schyma „Gesamtkunstwerke" in dem Sinne dar, daß sie geistesgeschichtliche, gesellschaftliche und wirtschaftliche Zusammenhänge und Hintergründe ihrer Zeit widerspiegeln.[1] Der historische Kontext von Schloß Drachenburg und seiner Ausstattung ist vor allem in Rheinromantik, Burgenbau und Lage am sagenumwobenen Drachenfels zu suchen.

Bei der Ausstattung repräsentativer Bauten des 19. Jahrhunderts hatte die Glasmalerei, die zu Beginn des Jahrhunderts wiederbelebt worden war, wichtige Funktionen. Sie grenzte den Außenraum ab und erzeugte durch ihr Licht eine Stimmung, in die sich die Betrachtenden versenken sollten. Während zunächst nur Kirchen und öffentliche Bauten mit kostspieligen Glasgemälden ausgestattet wurden, entwickelten sie sich nach 1870 zu einem festen Bestandteil bürgerlicher Wohnkultur. Dabei blieb die Ausstattung ganzer Profanbauten mit Glasmalereien eher die Ausnahme.

Eine wichtige Rolle bei der Wiederbelebung der Glasmalerei spielte München.[2] Zwei Werkstätten der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, die Mayer’sche Hofkunstanstalt und die Hofglasmalerei F. X. Zettler, führten die Fenster für die Drachenburg aus.

 

Schloß Drachenburg und seine Glasausstattung im 19. Jahrhundert

 

Die Quellenlage zur Baugeschichte von Schloß Drachenburg (1882-1884) ist sehr schlecht, weil bislang Baupläne, Inventarverzeichnisse, Briefe, Rechnungen oder Bücher aus dem Besitz des Bauherrn oder der Architekten unauffindbar sind. Da der Auftrag für Schloß Drachenburg durch den Börsenbankier Stephan von Sarter (1833-1902) große Aufmerksamkeit in der Öffentlichkeit erregte, läßt sich die Baugeschichte anhand von Zeitungsartikeln und zeitgenössischen Berichten rekonstruieren. Demnach wurden die Pläne für das Ensemble zunächst von dem Düsseldorfer Architektenduo Thüshaus und von Abbema entworfen und ausgeführt, von dem in Paris lebenden Kölner Architekten Wilhelm Hoffmann überarbeitet und um eine Erweiterung der Kunsthalle samt angrenzendem Nordturm ergänzt. Hoffmann lehnte sich eng an die vorgegebenen Strukturen an, wandelte aber die Fensterformen der Kunsthalle in Maßwerkfenster ab. Daneben überwachte er die künstlerische Ausgestaltung, für die der Bauherr die renommiertesten Künstler seiner Zeit heranzog.

 

Die Ausgestaltung läßt sich durch schriftliche und bildliche Überlieferungen aus der Zeit nach dem Tode des Bauherrn nachvollziehen, als das Schloß der Öffentlichkeit zugänglich gemacht wurde. Dazu gehören neben einer Schloßbeschreibung, Postkarten der Bonner Firma Rumpff und Co. aus den Jahren 1903 bis 1906 sowie Fotografien aus den 1930er Jahren.[3]

Demnach waren alle repräsentativen Räume des Schlosses mit hochwertigen Glasfenstern ausgestattet worden. Sie wurden Ende des Zweiten Weltkrieges durch Artilleriebeschuß beschädigt und deren Überreste entfernt. Neben stark beschädigten Dreipässen aus einem Turmzimmer, blieb nur das große fünfteilige Fenster mit Rosette im Treppenhaus des Schlosses erhalten.

Einige der ehemaligen Farbverglasungen lassen sich aus überlieferten Zeugnissen rekonstruieren. Den ersten Versuch dazu unternahm Birgitta Ringbeck, deren Aufsatz Die Glasgemälde der Drachenburg als Ausgangspunkt meiner Magisterarbeit diente.[4] Im Archiv der Mayer’schen Hofkunstanstalt in München entdeckte sie neben zwei Großaufnahmen von Fenstern der Kunsthalle, Fotos von Kartons der Glasmalereien in Sammelalben der Firmen Mayer und Zettler. Es handelt sich um Aufnahmen der Firma Zettler von Medaillon- und Ganzfigurenporträts sowie Allegorien der Kunsthalle, weitere des Nibelungenzimmers und des Kneipzimmers und der Firma Mayer von Fenstern des Billard- sowie des Bibliotheks- und Arbeitszimmers, für die es sogar Doubletten gibt, an denen man heute die Technik, Farbigkeit und Qualität der ehemaligen Glasmalereien nachvollziehen kann.

Während meiner Arbeit konnte ich durch Vergleiche mit zeitgenössischen Aufnahmen weitere Fotografien von Kartons ehemaligen Fenstern zuzuordnen, nämlich des Empfangszimmers, des Speisezimmers, des Musiksaals und Details der Kunsthalle in einem Album der Firma Zettler und eines des Frühstückszimmers der Firma Mayer. Außerdem ordnete ich die vorhandenen Fotos von Kartons der Glasmalereien in der Kunsthalle, so daß man sich nun eine Vorstellung vom Aufbau und dem Inhalt dieser Farbverglasungen machen kann.

 

Die Kunsthalle

 

Im Außenbau der Drachenburg stellt die 25 m lange, eingeschossige Kunsthalle eine eigenständige Verbindung des Hauptturms mit dem Nordturm dar. Die rheinseitige Sandsteinfassade zeigt eine dreiteilige Komposition. Auf einer Sockelzone mit Kellerfenstern ruht die Fensterfront, deren Mitte ein großes Spitzbogenfenster mit fünfteiligem Maßwerk einnimmt. Es wird von einer Kuppel mit Laterne und spitzem Helm überhöht, der ungefähr die Höhe des Nordturmes erreicht. Die flankierenden, niedrigeren Seitenteile der Kunsthalle zeigen in Dreiergruppen zusammengefaßte Lanzettfenster. Die Traufe der Seitenflügel wird von einer Maßwerkbalustrade verdeckt. Die ursprünglichen Satteldächer waren leicht gewölbt und wurden von einem schmiedeeisernen Firstgeländer bekrönt.

Im Inneren besteht die Kunsthalle aus drei aneinandergefügten Kompartimenten. An den von einem achtteiligen Sterngewölbe überfangenen Mittelraum fügen sich nördlich und südlich jeweils ein mit einer kassettierten Spitztonnenwölbung versehener Raumteil symmetrisch an. Die Längsseiten waren von Maßwerkfenstern durchbrochen, deren bunte Glasbilder diffuses Licht spendeten. Die Wandflächen waren mit floralen Ornamenten verziert und die Architektur zurückhaltend farbig akzentuiert.

 

Das äußere und innere Erscheinungsbild der Kunsthalle hatte einen weihevollen Charakter und ähnelt in Struktur und Stil gotischen Sakralbauten. Isoliert betrachtet, erinnert dieses Bauteil durch seinen Präsentationscharakter, die Durchfensterung und seine Kuppel an Galerien und zeitgenössische Pavillonbauten. Der künstlerische Schwerpunkt lag auf den Glasmalereien, die bedeutende Gestalten der abendländischen Kulturgeschichte zeigten. In dieser Glaskunstgalerie wurden anstelle von Produkten die Schöpfer der abendländischen Kultur selber in den Vordergrund gestellt. In Verbindung mit der sakralen Architektur knüpft die Kunsthalle an die Konzepte von Pantheon und Ruhmeshallen an, die im allgemeinen Genie- und Heroenkult des 19. Jahrhunderts wieder aufgegriffen wurden. Die Vorläufer waren jedoch im Stil der Klassik gehalten und hatten häufig nationalen Charakter. Deshalb stellt die Kunsthalle als neugotischer Tempel für die gesamte abendländische Kultur einen Sonderfall dar, nicht zuletzt wegen des Materials Glas.

 

Die historistischen Glasgemälde in der Kunsthalle

 

Anhand der überlieferten Beschreibungen von Schloß Drachenburg läßt sich nachvollziehen, daß die Arbeit an den Fenstern der Kunsthalle zwischen Bauherrn, Architekt und Werkstätten aufgeteilt worden ist. Die Grundidee und Auswahl ging vermutlich auf den Bauherrn zurück. Der Architekt Hoffmann war mit der Gesamtkomposition und dem Entwurf für die ornamentalen Bahnen der dreiteiligen Medaillonfenster sowie den Architekturen der fünfteiligen Standfigurenfenster beauftragt worden. Außerdem schuf er in Zusammenarbeit mit dem Glasmaler Joseph Leonard Dopfer die Medaillonporträts. Die ganzfigurigen Porträts stammten von Ugo Brunetti und die beiden Allegorien im Maßwerk von dem bekannten Münchner Dekorationsmaler Joseph Watter. Der Auftrag für die Fenster von Schloß Drachenburg wurde erstmals 1883 erwähnt, im April 1884 wurden sie von den Firmen Zettler und Mayer in München ausgestellt und am 9.8.1884 waren sie laut Angaben der Bonner Zeitung installiert.

 

Es handelte es sich um neun dreiteilige Lanzettfenster und zwei fünfteilige Maßwerkfenster, die auf den Längsseiten des Raumes lagen. Leider sind nur Schwarz-Weiß-Fotografien eines dreiteiligen Lanzettfensters und von einem der beiden großen fünfteiligen Maßwerkfenster erhalten. Den Überlieferungen zufolge entsprachen alle Fenster im architektonischen und kompositionellen Aufbau einem der beiden bildlich fixierten Typen und variierten nur in Details.

Das Bildprogramm zeigte 51 berühmte Persönlichkeiten aus allen Bereichen der Kunst und Wissenschaft mit den Wappen ihrer Geburtsstadt und Auszügen aus ihrem Werk. Von Süden nach Norden betrachtet, waren im ersten Fenster auf der westlichen Seite der Halle die Entdecker Christoph Kolumbus, Vasco da Gama, James Cook, Alexander von Humboldt sowie David Livingstone und im zweiten Fenster die Komponisten Richard Wagner, Giaccomo Meyerbeer, Giuseppe Verdi, Carl Maria von Weber und Albert Lortzing dargestellt. Das dritte Fenster zeigte die Dichter Johann Wolfgang von Goethe, Dante Alighieri, Miguel de Cervantes, William Shakespeare sowie Jean Baptiste Molière und das vierte Fenster in der Mitte der Kunsthalle die Ganzfigurenporträts von Peter Paul Rubens, Albrecht Dürer und Rembrandt van Rijn sowie darüber in einer Rosette die Allegorie der Poesie. Die Porträts der folgenden Fenster fünf bis sieben stellten die Dichter Friedrich von Schiller, Heinrich Heine, Ludwig Uhland, Friedrich Rückert und Carl Simrock, die Komponisten Johann Sebastian Bach, Joseph Haydn, Ludwig van Beethoven, Christoph Willibald Gluck und Wolfgang Amadeus Mozart sowie die Staatsmänner Otto von Bismarck, George Washington, William Pitt, Camillo Cavour und Adolphe Thiers dar.

An der gegenüberliegenden Seite der Halle betrachtete man die Fenster von Norden nach Süden: Im achten Fenster waren die Porträts der Bildhauer, bzw. Baumeister Gerhard von Rile, Peter Vischer, Benvenuto Cellini, Jean Goujon und Bertel Thorvaldsen, im neunten Fenster die Königinnen und Kaiserinnen Louise von Preußen, Elisabeth von England, Maria Theresia von Österreich, Viktoria von England und Viktoria von Preußen porträtiert und im zehnten Fenster die Erfinder und Ingenieure Ferdinand Lesseps mit dem Panama- und Suez-Kanal, Johannes Gutenberg, James Watt, Graf Alexander Volta und Justus von Liebig abgebildet. Den Abschluß der Fensterreihe bildete das Pendant des fünfteiligen Fenster der Westseite, das die Ganzfigurenporträts von den Künstlern Raffael, Murillo und Michelangelo zeigte, bekrönt von einer Rosette mit der Allegorie der Musik.

 

Die neun dreiteiligen Maßwerkfenster hatten folgenden Aufbau: Die einzelnen Fensterbahnen mit einer hochrechteckige Form, deren Verhältnis von Höhe zu Breite in etwa 4:1 entsprach, schlossen mit einem offenen Dreipassbogen ab, der von Zwickeln gerahmt wurde. Darüber saß jeweils ein verglaster Dreipaß, der von einem Spitzbogen überspannt wurde. Die mittlere Fensterbahn war sehr viel aufwendiger gestaltet als die beiden seitlichen. Sie zeigte jeweils ein und die beiden seitlichen Bahnen je zwei Medaillons mit Porträts in Grisaillemalerei vor farbigem Hintergrund, die sich an bekannte zeitgenössische Vorbilder anlehnten. Auf der schmalen Rahmung standen die wichtigsten Angaben zur abgebildeten Person, wie Name, Geburtsdatum und Geburtsort etc. Jeweils darüber war das Wappen des Geburtsortes der dargestellten Person abgebildet. Die über den Fensterbahnen liegenden Dreipässe hatten florale Ornamente aus stilisiertem Blatt- und Blütenwerk in Anlehnung an hochgotisches Formgut.

Der untere Teil der Fenster war als Sockelzonen mit architektonischen Elementen gestaltet, die Felder mit Erläuterungen oder Zitaten zu den Porträtierten rahmten. Darüber entwickelten sich in den seitlichen Fensterbahnen Ornamentscheiben aus zwei sich diagonal kreuzenden, farblich unterschiedenen Bandgeflechten, wobei geflochtene Formen mit Medaillons abwechselten. Über der Sockelzone der mittleren Bahn entwickelte sich ein Stamm mit stilisierten Blättern und Blüten, in dessen Mitte ein achtpaßförmige Medaillonfeld und darüber der Wappenschild eingefügt war.

 

Die großen fünfteiligen Maßwerkfenster zeigten folgenden Aufbau: Alle fünf Fensterbahnen waren gleich groß und besaßen eine hochrechteckige Form, deren Verhältnis von Höhe zu Breite in etwa 5:1 entsprach. Sie schlossen mit einem offenen Dreipaßbogen ab und wurden von Zwickeln gerahmt. Die beiden äußeren Fensterbahnen waren mit einem Dreipaß unter einem Spitzbogen zusammen gefaßt. Darüber entwickelte sich ein aufwendiges Maßwerk mit einer Rosette. Sie bestand aus einem kreisförmigen Medaillon mit der Darstellung einer Allegorie und sechs umrahmenden dreipaßförmigen Maßwerkteilen, deren Gestaltung sich ebenfalls an hochgotisches Formengut anlehnte. Die mittlere und beiden äußeren Fensterbahnen zeigten Ganzfigurenporträts von Künstlern, die wie Gemälde gestaltet waren und sich mehr oder weniger an historische Vorbilder anlehnten. Sie standen auf Sockeln mit Wappenschildern ihrer jeweiligen Geburtsstadt und in Tabernakelarchitekturen, die mit einem Spitzbogen abschlossen und mit Wimperg und Fialen geschmückt waren. Der Hintergrund war mit einem rautenförmigen, floralen Teppichmuster auf weißem Glas gestaltet. Die beiden Fensterbahnen zwischen den Künstlerfenstern waren floral-ornamental ausgestaltet und die Mitte rautenförmig herausgehoben. Um einen Stamm mit unterschiedlichen Blättern und Blüten, rankte sich ein Spruchband, auf dem jeweils zwei Zeilen des folgenden Gedichts abgebildet waren: „In Hisperiens Zaubergarten/ Lichtdurchrauschet, Sonndurchglühet/ Ist die Kunst, des Lebens Krone/ Göttlich schön erblühet,/ Und des Südens Wunderblume/ Hat zu nordischen Gefilden/ Hold der Genius verpflanzt/ In strahlenden Gebilden".[5]

 

Die Einordnung der Glasmalereien der Kunsthalle in den zeitgenössischen Zusammenhang fällt nicht leicht. Erst in den letzten Jahren entwickelte sich die Glasmalerei des Historismus zu einem ernsthaften Forschungsgebiet der Kunstgeschichte. Eine systematische Inventarisierung der erhaltenen Bestände und deren Auswertung steht noch am Beginn. Bislang wurden meist nur einzelne Glasgemälde und oft ohne den dazugehörigen Kontext bearbeitet.

Grundsätzlich läßt sich feststellen, daß sich die Glasgemälde der Kunsthalle keinem einzelnen, bestimmten traditionellen Formapparat zuordnen lassen, sondern eine für das späte 19. Jahrhundert typische Mischform aus mehreren Elementen zeigen. Die von Münchnern gestalteten einzelnen Porträts sowie die Allegorien spiegeln den schon fast traditionellen typischen Stil der Münchner Glasmalerei wider, während der vom Architekt Hoffmann entworfene ornamentale und architektonische Gesamtaufbau der Fenster an neugotische Kölner Stilvorbilder erinnert. Für die Kombination von profanen Motiven mit Umrahmungen, die sakralem mittelalterlichen Formengut entlehnt waren, finden sich im ganzen Jahrhundert hindurch Beispiele. Es gibt jedoch kein direktes Vorbild für den Fensterzyklus der Kunsthalle in der Glasmalerei des 19. Jahrhunderts. Einige Motive, wie einzelne Porträts, Wappen oder die Rahmung mit Flechtbandornamentik, Baldachinen und Sockeln finden sich in den Vorlagebüchern und Prospekten fast jeder größeren Firma. Neben wenigen Neuschöpfungen nach bekannten Vorbildern, könnten für die Glasmalereien der Kunsthalle diverse Graphiken und Photographien sowie bekannte Wappenbücher als Vorlagen gedient haben. Obwohl sich die Porträts eng an den verwendeten Vorlagen orientierten, entsteht durch die gleichförmige Malweise in Tuschmanier der Eindruck eines einheitlichen Stils und Ausdrucks.

 

Bei genauer Untersuchung der einzelnen dargestellten Persönlichkeiten fallen Schwerpunkte und Gemeinsamkeiten auf. Zu den Schwerpunkten gehören die Sieben schönen Künste sowie die ästhetischen Sinneswahrnehmungen und zu den Gemeinsamkeiten, daß es sich bei allen Porträts um Vertreter der abendländischen Kultur handelt, die zugleich Vorbilder des damaligen bürgerlichen Bildungsideals waren und teilweise zum zeitgenössischen Personenkult gehörten. Daneben gibt es eine Betonung deutscher Künstler und Bezüge zum Rheinland. Ein interessanter Aspekt ist die gleichberechtigte Darstellung von Wissenschaftlern neben Künstlern, womit auf die Diskussion um den Stellenwert von Wissenschaft und Kunst Bezug genommen wurde. Heutigen Betrachtenden fällt auf, daß weder Philosophen noch Persönlichkeiten der Antike dargestellt wurden und den Frauen nur die Rolle von Landesmüttern zugewiesen wurde. Insgesamt scheint es sich bei der Auswahl der Köpfe neben allgemein anerkannten Größen auch um persönliche Vorlieben des Bauherrn gehandelt zu haben. Eine endgültige Deutung des Bildprogramms kann mangels Quellen nicht abschließend geklärt werden.

 

Die Funktion der Fenster in der Kunsthalle läßt sich mit der Selbstdarstellung des Hausherrn als wohlhabenden Mann oder besonderen Liebhaber zeitgenössischer Glasmalerei erklären. Neben die ästhetisch-künstlerische tritt die historische Bedeutung, indem auf bestimmte Vorbilder zurückgegriffen wird. In zeitgenössischen Schloßbauten wurden häufig Wappen und Ahnenporträts verwendet, auf die der bürgerliche Bauherr der Drachenburg nicht zurückgreifen konnte. Die Darstellungen der Genies zeigen eine Gemeinschaft jenseits der Standesgrenzen. So drängt sich der Eindruck auf, daß der Bauherr mit den von ihm ausgewählten bekannten Persönlichkeiten sich eine Reihe von “Vorfahren” schuf, die ihn zumindest geistig prägten. Zwar stellte er sich nicht persönlich in diesen illustren Kreis, ließ sich jedoch durch sein prominentestes Finanzierungsprojekt, den Panamakanal, vertreten.

 

Bei der Betrachtung des Bildprogramms der Kunsthalle in Zusammenhang mit der Fülle von Themenkreisen des übrigen Ensembles, ergeben sich nur wenige Bezüge. Einzig das Figurenprogramm des Nordturmes mit den Darstellungen von Albrecht Dürer, Peter Vischer und Gerhard von Rile zeigt Gemeinsamkeiten, da die gleichen Vorbilder verwendet wurden. Insgesamt trägt der Bau enzyklopädische Züge mit repräsentativem Charakter und sollte wohl die Bildung des Bauherrn widerspiegeln. Die tatsächlichen Intentionen des Bauherrn blieben bislang leider unbekannt.

 

Planungen und Möglichkeiten einer Rekonstruktion der Glasmalereien

 

Seit dem Tode Sarters war die Kunsthalle von Schloß Drachenburg aufgrund zahlreicher Besitzerwechsel und Funktionswandel sowie durch Kriegsschäden starken Veränderungen unterworfen, so daß man sich heute nur noch schwer den ursprünglichen Raumeindruck vorstellen kann. Nach der Übernahme durch die NRW-Stiftung 1990 kam es zu einer umfassenden Bestandsaufnahme und einer neuen Nutzungsplanung. Nun soll die Drachenburg so weit wie möglich in Anlehnung an den ursprünglichen Zustand restauriert und zu einer Art Gründerzeitmuseum mit einem Schwerpunkt auf zeitgenössische Wohnkultur ausgebaut werden. Die Kuppel der Kunsthalle und das fehlende Maßwerkfenster wurden 2002 rekonstruiert, nachträgliche Einbauten entfernt. Eine Option für die Gestaltung der Innenräume könnte der Versuch einer Rekonstruktion sein, inklusive der historistischen Glasmalereien.

 

Schon seit einigen Jahren lassen sich vorsichtige Tendenzen zu Rekonstruktionen verlorener historistischer Glasgemälde beobachten. Ein prominentes Beispiel dafür ist der Kölner Dom, für den seit 1980 einige Neuanfertigungen nach alten Entwürfen entstanden sind, um den Raumeindruck zu vereinheitlichen. Laut Aussagen des Professors für Glaskonservierung und -restaurierung an der FH Erfurt, Dr. Peter van Treeck, könnte eine solche Rekonstruktion auch für die Drachenburg nach den vorhandenen Bildquellen durchgeführt werden, “allerdings sollte daran der Anspruch wissenschaftlich exakter Nachbildungen mit den historischen Maltechniken gestellt werden”. Der für die Restaurierung verantwortliche Projektleiter Dr. Ägidius Strack bewertet die Farbverglasung im Sinne des denkmalpflegerischen Gesamtkonzepts als “quasi unverzichtbar”. Ohne private Spenden seien qualitätvolle Rekonstruktionen aber nicht zu finanzieren.

 

Zusammenfassung und Ausblick

 

Wie vorgehend dargestellt, handelt es sich bei Schloß Drachenburg um ein einmaliges Zeugnis historistischen Zeitgeistes, an denen die Glasmalereien einen wichtigen Anteil hatten. Aufgrund des beschränkten Umfangs meiner Arbeit konnten einzelne Aspekte nur punktuell und keineswegs erschöpfend erörtert werden. Das Quellenmaterial zur ursprünglichen Einrichtung und vor allem der Kunstgegenstände bedarf weiterer genauer Auswertung, gerade auch in Bezug auf eine historisch tragfähige Rekonstruktion. Dabei kann die vorliegende Arbeit naturgemäß nur einen kleinen Beitrag leisten.

 

 


[1] Siehe dazu die Dissertation von Angelika Schyma, damals Leyendecker: Schloß Drachenburg, in: Landeskonservator Rheinland, Arbeitsheft 36, 1979, die eine Grundlage für jede weiterführende Forschung darstellt.

[2] Zur Glasmalerei im 19. Jahrhundert siehe Vaassen, Elgin: Bilder auf Glas. Glasgemälde zwischen 1780-1870. München/Berlin 1997 (= Kunstwissenschaftliche Studien, Band 70).

[3] Einige der Postkartenserien befinden sich heute im Archiv von Schloß Drachenburg und des Siebengebirgsmuseums in Königswinter. Bei meinen Recherchen konnte ich sie in drei Kampagnen einteilen: 15 Drucke nach Fotografien der Fa. Rumpff & Co. aus Bonn von 1903, 12 Drucke nach Fotografien vom Selbstverlag der Verwaltung von Schloß Drachenburg und mind. 8 weitere Bilder aus einem Album von Schloß Drachenburg von 1905.

[4] Birgitta Ringbeck: Die Glasgemälde der Drachenburg, in: Denkmalpflege im Rheinland, 1, 2000. Spengler, Alicia: Die historistischen Glasgemälde in der Kunsthalle von Schloß Drachenburg zu Königswinter. Magisterarbeit, Bonn 2002.

[5] Zit. nach Beschreibung Schloß Drachenburg, Archiv Drachenburg.

Bei diesem Text handelt es sich um eine Zusammenfassung der Ergebnisse meiner Magisterarbeit mit dem Titel “Die historistischen Glasgemälde in der Kunsthalle von Schloß Drachenburg zu Königswinter”, der als Aufsatz in der Rheinischen Heimatpflege, 39. Jg., Bd. 4, Köln 2002, S. 293ff. erschienen ist. 

Die gleichlautende Magisterarbeit (Bonn 2002, Note “sehr gut”) kann man nur als gebundene Ausgabe per Post bestellen. Bei Interesse wenden Sie sich bitte über die Kommentarfunktion an mich

Copyright (C) 2004-2018 Alicia Ysabel Spengler, Köln

 


 

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