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Zur Glasmalerei in Mariahilf

Die Wiener Glasmalerei- und Glaserwerkstätten leisteten mit der Ausführung von Fenstern und Mosaiken in zahlreichen Kirchen und öffentlichen Gebäuden einen großen Beitrag zur Bau- und Kunstgeschichte des 19. und 20. Jh. in Wien. Davon zeugen auch heute noch Bauobjekte mit bedeutenden Glasmalereien im VI. Bezirk. Dazu gehören: die Pfarr- und Wallfahrtskirche Mariahilf (1893-98), die Pfarrkirche St. Ägyd (1870, 1891), die Leimgrubenkirche St. Josef (1907), das ehem. Wohn- und Fabrikgebäude von Bernhard Ludwig (1880), das Wohn- und Geschäftshaus Firma Neuber’s Enkel (1900) und die Österreichische  Eisenbahnen- und Bergbau-Versicherung (1910). Alle Fenster wurden in der Werkstatt von Carl Geyling ausgeführt.

Die Glasmalerei und der Bezirk Mariahilf gehören seit 1841 eng zusammen. Damals gründete der akademische Maler Carl Michael Geyling (1814-1880) in der Windmühlgasse seine berühmte Werkstatt für Glasmalerei, die bis 1967 am selben Ort bestand und noch bis 2016 im Bezirk Fünfhaus beheimatet war. Seinen ersten Auftrag erhielt Carl Geyling über Vermittlung seines Bruders vom österreichischen Kaiserhaus für den Tempel auf der Mariannen-Insel in Laxenburg. Schon vorher hatte es mit den Glasmalern Gottlob Samuel Mohn (1789-1825), Anton Kothgasser (1769-1851) und Wilhelm Vörtel (1793-1844) begabte Vertreter dieser Zunft in Wien gegeben, aber erst Carl Geyling gelang es, die Glasmalerei in Österreich auf künstlerisch hohem Niveau dauerhaft zu beleben. Deshalb wurde ihm nicht ganz zu Unrecht der Titel “Wiedererwecker” der Glasmalerei in Österreich verliehen. Mit dem stetig wachsenden Interesse für die Glasmalerei erhielt er Aufträge von weiten Teilen des Adels, des Klerus, der öffentlichen Einrichtungen sowie des begüterten Bürgertums in der gesamten österreichisch-ungarischen Monarchie und weit darüber hinaus. Bis zu seinem Tode wurden in der Windmühlgasse tausende Fenster für Kirchen, Kapellen und Profanbauten geschaffen. Die Vorlagen dazu entwarfen bedeutende Künstler und Architekten ihrer Zeit, wie Ludwig Ferdinand Schnorr von Carolsfeld (1788-1853), Joseph von Führich (1800-1876), Edward von Steinle (1810-1886), Leopold Ernst (1808-1862), Friedrich von Schmidt (1825-1891) oder die Gebrüder Jobst. Zu den wichtigsten Bauobjekten zählten der Stephansdom (1858-1901), der Dom zu Kaschau/Kosice (ab 1861), der Pressburger Dom (1866-83), die Votivkirche (1874-79), St. Epvre (1867-72) und St. Pierre (bis 1885) in Nancy etc. Nach dem Tode des Firmengründers Carl Geyling 1880 ging die Firma an seine Erben über. 

Zugleich siedelte sich die Konkurrenz, darunter die Filiale der Tiroler Glasmalereianstalt, im gleichen Bezirk an. Die Tiroler Glasmalerei in Innsbruck wurde 1861 von Albert Neuhauser (1832-1901), dem Architekten Josef Vonstadl (1828-1893) und dem Historienmaler Georg Mader (1824-1881) gegründet. Ab 1874 übernahm Albert Jele (1845-1900) die Leitung der Anstalt und führte sie zu großem wirtschaftlichen Erfolg. 1884 hatte die Firma fast 100 Angestellte. Nach der Filiale in Wien wurde 1892 eine weitere Filiale in New York gegründet. Die Tiroler Glasmalereianstalt galt als bedeutendste Konkurrenz Carl Geylings und seiner Nachfolger. Sie produzierte vor allem für Tirol und Vorarlberg, aber auch für das Ausland und Prestigeprojekte, wie den Linzer Dom (1867-1916), die Votivkirche (1874-79) oder den Kölner Dom (1884). Mit ihrer Wiener Filiale in der Magdalenenstrasse versuchte sie verstärkt Kunden in Wien und Umgebung zu erreichen. Den ersten Auftrag in Wien erhielt sie 1880 mit einem Fenster für den Stephansdom, dem weitere folgten. Die Wiener Werkstatt bestand bis 1908. Danach zog sich das Unternehmen wieder auf das Stammhaus in Tirol zurück, wo es noch heute ansässig ist.

Auch das Stammhaus der traditionsreichen Glaserei von Ignaz Dürr lag seit 1820 in Mariahilf. Diese Glaserei beschäftigte sich ebenfalls zunehmend mit Kunstverglasungen, Glasmalerei und Mosaik und kaufte Mitte des 20. Jh. alte Werkstätten wie die von Rudolf Leutgeb und Franz Xaver Götzer auf. Weitere bekannte Mariahilfer Werkstätten waren u.a. die von Heinrich Kreibich in der Mariahilfer Strasse oder von Carl Glössel in der Gumpendorfer Strasse. Glössel war zugleich Vorsteher der Wiener Glaser-Genossenschaft und Herausgeber der Österreichischen Glaser-Zeitung (ab 1879).

Neben den genannten Werkstätten wurde 1909 mit der Mollardschule eine weitere wichtige Institution für Glasmalerei und Glasergewerbe in Wien geschaffen. Nur ein paar hundert Meter vom heutigen Bezirksmuseum entfernt wurde sie als erste moderne Ausbildungsstätte für Glaser in der Monarchie gegründet. Der berufsbegleitende Unterricht wurde erstmals unter Kaiserin Maria Theresia eingeführt. 1872 wurden die Handwerksgenossenschaften bei entsprechenden Lehrlingszahlen zur Errichtung von Fortbildungsschulen verpflichtet. Da diese in Volks- und Bürgerschulen eingerichtet wurden, fand der Unterricht meist unter der Woche abends sowie Sonntagvormittags statt. Die Schüler wurden in Rechnen, Zeichnen, Fachkunde, Geschäftssaufsätzen, Buchführung und Gesetzkunde unterrichtet. 1897 wurden ausnahmslos alle Lehrlinge zum Besuch der Fortbildungsschule verpflichtet. Die Genossenschaft der Glaser errichtete zunächst eine fachliche Fortbildungsschule in der Schmalzhofgasse. 1909-1911 wurde die Fortbildungsschule für Glaser, Glashändler, Glasschleifer und verwandte Gewerbe in der Mollardgasse errichtet. Das Schulgebäude stellte einen erheblichen Fortschritt dar, da es neben Vortrags- und Zeichensälen auch Lehrwerkstätten hatte und zu den größten und besteingerichteten Schulgebäuden in Europa zählte.   

Siehe zum Thema auch meinen Artikel über Glasmalerei in Mariahilf in den Wiener Geschichtsblättern (2011), den Artikel zu Geyling in der Publikation Erika Sieder über Gustav Orglmeister (2011) sowie über die Mollardschule im Jubiläumsbuch von Elfriede Zahlner (2011).

Copyright (C) 2004-2017 Alicia Ysabel Spengler, Köln

 

 

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